Für Exis­tenz­grün­der gibt es zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten, ihr geschäft­li­ches Vor­ha­ben zu finan­zie­ren. Die Art der Finan­zie­rung hängt natür­lich auch von der Grö­ße des geplan­ten Unter­neh­mens und von dem Tätig­keits­feld ab.


Doch für wel­ches Finan­zie­rungs­kon­zept soll­te man sich ent­schei­den? Bei einem hohen Kapi­tal­be­darf und der Not­wen­dig­keit exter­ner Finan­zie­rungs­hil­fe wie bei­spiels­wei­se Kre­di­ten, muss auch der Geschäfts­plan die mög­li­chen Geld­ge­ber wie Ban­ken überzeugen.

Ansons­ten bleibt einem nichts ande­res übrig, auf eher unkon­ven­tio­nel­le Finan­zie­rungs­mo­del­le wie u. a. Crowd­fun­ding oder Crowd­in­ves­ting zurückzugreifen.

Definition von Bootstrapping

Aber man kann als Grün­der auch auf exter­ne Finan­zie­rung kom­plett ver­zich­ten. Die­se Finan­zie­rungs­art wird Boot­strap­ping genannt. Sie kommt aus den USA und die eng­li­sche Bezeich­nung heißt so viel wie “Stie­fel­schlau­fe” oder “Stie­fel­rie­men”. Dazu passt auch das eng­li­sche Sprich­wort “pull oneself over a fence by one’s boot­straps”, in Deutsch “sich mit sei­nen eige­nen Stie­fel­schlau­fen über den Zaun ziehen”.

Bild­lich kann man sich Boot­strap­ping also so vor­stel­len, dass man als jun­ger Unter­neh­mer sei­ne Grün­dung aus eige­ner Kraft ohne finan­zi­el­le Hil­fe von ande­ren durch­zieht. Wer als Ein-Mann-Betrieb star­tet, der wird dies meist ohne­hin so machen, aber wer mit meh­re­ren Per­so­nen ein grö­ße­res kos­ten­in­ten­si­ves Unter­neh­men star­tet, muss die nächs­ten Mona­te ganz genau kal­ku­lie­ren, was an Aus­ga­ben not­wen­dig ist oder nicht, denn die Res­sour­cen sind knapp.

Grün­der, die das Finan­zie­rungs­mo­dell des Boot­strap­pings ein­set­zen, soll­ten über ein Grün­der­ka­pi­tal ver­fü­gen, das sie für die Start- und Auf­bau­pha­se ihres Unter­neh­mens sinn­voll ein­set­zen kön­nen. Auch die Mög­lich­keit von exter­ner Finan­zie­rung — wenn auch nur in beschränk­tem Maße — soll­te ihnen offen stehen.

Wegen der beschränk­ten finan­zi­el­len Mit­tel muss man als “Boot­strap­per” recht schnell ver­su­chen, mit sei­nem Tätig­keits­feld Umsät­ze zu erzie­len, also Geld zu ver­die­nen, um aus der Ver­lust­zo­ne herauszukommen.

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Mit den ers­ten Gewin­nen kann man schließ­lich wei­ter in das Unter­neh­men inves­tie­ren, es ver­grö­ßern und wei­te­re wich­ti­ge stra­te­gi­sche Ent­schei­dun­gen tref­fen. Die Ent­schei­dung, teu­res Per­so­nal ein­zu­stel­len, soll­te erst erfol­gen, wenn das Unter­neh­men die anfäng­li­chen Schwie­rig­kei­ten über­wun­den hat und schon in der Gewinn­zo­ne agiert.

Sieben wichtige Regeln für ein erfolgreiches Bootstrapping

Der Wirt­schafts­ex­per­te und Pro­fes­sor an der Flet­cher School (Tufts Uni­ver­si­ty in Massachusetts/​USA) Amar Bhi­dé hat für ein erfolg­rei­ches Boot­strap­ping sie­ben Regeln bzw. Ver­hal­tens­grund­sät­ze for­mu­liert:

  1. Die Grün­der soll­ten so schnell wie mög­lich mit dem Geld­ver­die­nen begin­nen (im Fach­jar­gon: mit dem ope­ra­ti­ven Geschäft starten).
  2. Die Grün­der soll­ten ihr Haupt­au­gen­merk auf ein schnel­les Über­schrei­ten des Break-Even-Points (Gewinn­schwel­le) und einen posi­ti­ven Cash­flow (Liqui­di­tät) richten.
  3. “Boot­strap­per” soll­ten sich dar­um bemü­hen, hoch­wer­ti­ge Pro­duk­te oder Dienst­leis­tun­gen anzu­bie­ten, deren Ver­trieb die Grün­der selbst wahr­neh­men können.
  4. Die Grün­der soll­ten in der Anfangs­zeit ver­su­chen, auf hoch­be­zahl­tes Per­so­nal zu ver­zich­ten oder sich nur sol­che Mit­ar­bei­ter suchen, die Ver­ständ­nis für die Grün­der­kul­tur auf­brin­gen (also für eine bestimm­te Zeit mit einem nied­ri­gen Lohn oder sogar ohne Lohn zurechtkommen).
  5. Die Grün­der soll­ten den Ein­satz ihrer begrenz­ten Res­sour­cen sehr kon­trol­liert und vor­aus­schau­end planen.
  6. “Boot­strap­per” soll­ten sich in der Grün­dungs­pha­se ihres Unter­neh­mens auf eine stän­dig ver­füg­ba­re Liqui­di­tät konzentrieren.
  7. Grün­der soll­ten einen guten Kon­takt zu exter­nen Geld­ge­bern wie Ban­ken pfle­gen, falls sie die­se in einer spä­te­ren Geschäfts­pha­se doch noch benötigen.

Vorteile von Bootstrapping

Unab­hän­gig in der Finan­zie­rung von Drit­ten: Wer sich für Boot­strap­ping ent­schei­det, bleibt bei finan­zi­el­len Ent­schei­dun­gen von exter­nen Geld­ge­bern kom­plett unab­hän­gig und muss kei­ne Rück­sicht auf Inves­to­ren nehmen.

Man lernt Spar­sam­keit: Durch das sehr knap­pe oder beschränk­te Grün­der­bud­get ist man dazu gezwun­gen, jede Inves­ti­ti­on oder Aus­ga­be genau zu über­den­ken und zu ent­schei­den, ob die­se über­haupt not­wen­dig ist.

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Dadurch lernt man gleich die nöti­ge Dis­zi­plin, was Unter­neh­mens­aus­ga­ben und — kos­ten angeht, was eine sehr wich­ti­ge Fähig­keit von erfolg­rei­chen Unter­neh­mern ist.

Begrenz­te Grün­dungs­ri­si­ken: Da man als “Boot­strap­per” nur sei­ne eige­nen Ein­nah­men und sein Eigen­ka­pi­tal ein­setzt, fal­len Haf­tun­gen gegen­über exter­nen Inves­to­ren weg, sodass bei einem Schei­tern des Geschäfts­kon­zep­tes auch kein gro­ßer Schul­den­berg vor­han­den ist.

Schwer­punkt auf das Wesent­li­che: Um mög­lichst schnell in die Gewinn­zo­ne zu kom­men, rich­tet man beim Boot­strap­ping sei­nen Blick auf das Wesent­li­che sei­nes Unter­neh­mens, näm­lich Auf­trä­ge zu gewin­nen und damit Umsät­ze zu erzielen.

Nachteile von Bootstrapping

Ver­zicht in der Anfangs­pha­se: Bei Boot­strap­ping muss man als Unter­neh­mer in der Grün­dungs- und Auf­bau­pha­se mit wenig Geld aus­kom­men und hohe Leis­tun­gen brin­gen. Die knap­pe Ent­loh­nung kann für man­chen des­halb im Ver­gleich zum sehr hohen Arbeits­auf­wand frus­trie­rend sein.

Hoher Leis­tungs­druck: Wie schon oben for­mu­liert, liegt auf dem Grün­der ein hoher Leis­tungs- und Erfolgs­druck. Eine ein­zi­ge Fehl­ent­schei­dung kann schon das Aus des Unter­neh­mens bedeu­ten. Daher soll­te man als “Boot­strap­per” über ein sta­bi­les Ner­ven­kos­tüm und hohe Belast­bar­keit verfügen.

Ein­ge­schränk­te Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten: Bei die­sem Finan­zie­rungs­mo­dell muss man immer mit knap­pen Res­sour­cen — finan­zi­ell wie per­so­nell — agie­ren. Dadurch feh­len ein­fach auch die Mit­tel, um wei­te­re Ent­wick­lungs­schrit­te in Angriff zu neh­men. Das kann schon mal im Kampf mit der Kon­kur­renz zu eini­gen Nach­tei­len oder gar zum Anschluss­ver­lust führen.

Fazit

Boot­strap­ping ist schon ein zwei­schnei­di­ges Schwert: Ich als Wirt­schafts­laie sehe die­se Finan­zie­rungs­mög­lich­keit haupt­säch­lich für sol­che Grün­dun­gen geeig­net, die am Anfang auch ohne gro­ßen Kapi­tal­ein­satz und ohne viel Per­so­nal ihre Idee ver­wirk­li­chen kön­nen, wie bei­spiels­wei­se die Grün­dung eines Online-Shops.

Zwar kom­men da auch schon recht hohe Aus­ga­ben für die Erstel­lung des Online-Shops und dem Ein­kauf von Waren zusam­men, den­noch blei­ben die Kos­ten über­sicht­lich (vor allem wenn man sich für Dropship­ping ent­schei­det und dadurch kei­ne Waren ein­kau­fen muss).

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Da man mit sei­nen Res­sour­cen sehr spar­sam umge­hen muss, schleppt sich der Aus­bau oft unnö­tig lan­ge hin, was letzt­end­lich auch zum Geschäfts­aus füh­ren kann. Auf der ande­ren Sei­te bleibt man als “Boot­strap­per” von den Auf­la­gen exter­ner Geld­ge­ber ver­schont, was wohl auch ein Vor­teil ist.

Wie man sieht, ist die rich­ti­ge Ent­schei­dung für ein Finan­zie­rungs­mo­dell mit Sicher­heit eine schwie­ri­ge Sache, die sich nicht in weni­gen Stun­den oder Tagen tref­fen lässt. Vor- und Nach­tei­le soll­ten abge­wo­gen wer­den und auch ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, die einem offen ste­hen, ausgelotet.